KIRGISTAN

Von weissen Weiten, Markttaumeln und Fahrten zum Fürchten

Gaudenz Danuser-Karakol, Kyrgyzstan

Er war der Stolz unseres Fahrers: ein UAZ-452. Ein russischer Militärbus, der schon in Sowjetzeiten über kirgisische Pisten gerumpelt war. Jetzt, zwanzig Jahre nach der Wende, tat er es immer noch und – bald merkten wir es – sowohl Bus wie auch Besitzer waren beide Haudegen. Den Namen unseres Fahrers erfuhren wir nie. Doch wir nannten ihn Schuhmacher. Er selbst nannte sich Shoemaker. Und Schumacher bot uns täglich Spektakel, angefangen bei einem Kübel heissen Wassers, das er morgens in den Motor kippte, um danach sein Gefährt mit einer Kurbel von aussen zu starten.

Uns sieben Leute an Bord, hemmungslos überladen mit Gepäck, das Gaspedal mit Schnur hochgebunden und ein Drahtknäuel unter dem Lenkrad, dazu aalglatte Reifen bei 70 km/h auf schneebedeckten Strassen – Shoemaker war der beste Fahrer der Welt. Das jedenfalls redeten wir uns ein. Und ging es einmal nicht mehr weiter, montierte er vier Ketten. Nützte auch das nichts, stieg er aus und fräste mit der Kettensäge Kerben ins Eis auf der Strasse vor uns. «Warum nicht, wenn's funktioniert?», sagten wir uns.

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Im Grunde reisten wir für Skitouren nach Kirgistan. Genauer, in die nördlichen Ausläufer des Tian-Shan-Gebirges nahe der Stadt Karakol. Zehn Tage lang zogen wir auf namenlose Gipfel, schliefen nachts in Jurten, in deren Mitte Öfen knisterten, und staunten Tag für Tag über die Landschaften. Über diese weissen Weiten der winterlichen Steppe, die sich gegen Norden ausbreitete, und aus der sich – als wäre es die Zeichnung eines übermütigen Illustrators – bis über 7000 Meter hohe Berge erheben.

«Was für ein Abenteuer», mag man beim Gedanken an eine solche Reise denken. Um am Ende zu merken: Das Abenteuer war ein anderes. Das wahre Abenteuer waren einmal mehr die Menschen, denen man begegnet, und das andere Leben, in das man mit und dank ihnen eintaucht. Etwa zu sehen, wie einer mit seiner Kuh an der Leine zum Kiosk geht, um Zigaretten zu kaufen. Oder in der Stadt Karakol in den Taumel des Tiermarkts zu geraten, wo Hunderte, vielleicht Tausende, um Pferde und Kühe feilschen, Tiere tauschen, kaufen, verkaufen. Vom einfachen Bauern mit einem Rind am Strick bis zum Grosshändler mit Pelzmütze – sie alle drängten sich in der Eiseskälte des kirgisischen Winters zwischen die warmen Leiber des Viehs.

Nur wir waren in unseren bunten Funktionsjacken Exoten. «Du hast hier nichts verloren», schienen die Blicke mancher Händler uns zu sagen. Als wollten sie uns vertreiben. Damit wir nicht länger ihr Leben beobachteten, als wäre es ein Ausstellungsobjekt, ihre Tristesse und ihre Zukunft, die zwischen Alkohol und leeren Kassen verschwunden war.

Doch dann gab es auch jene Momente wie im Dorf Ichke Jergez, wo wir bei einer Familie wohnten. In unseren Schlafsäcken liessen sie uns in ihrer Stube auf dem Boden schlafen, kochten für uns Shorpo – Suppe mit Gemüse und Fleisch – und gossen uns die frische Milch ihrer Kühe in Tassen. Es waren Momente der Leichtigkeit, die wir mit ihnen teilten. Etwa als die beiden Töchter mit einer unserer Kameras ihren Vater filmten, der für sie tanzte, während die Grossmutter sich krümmte vor Lachen.

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Das war Kirgistan für uns. Ein Land, in dem sowjetische Geschichte und aktuelle Gegenwart sich vereinen, wo Kulturen aus Russland, der Mongolei und China ineinander fliessen. Und noch etwas wird Kirgistan für uns immer sein: das Land von Shoemaker. Dem besten Fahrer der Welt, der uns mit Draht, Schnur, einer Kettensäge und viel Geschick in jeden Winkel seines Landes fuhr.

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Text: aufgezeichnet von Caroline Fink

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